Immer diese Studien

„Immer mehr Studierende geben auf“, lautet die alarmierende Überschrift eines jüngst erschienen taz-Artikels, der sich auf eine neue Studie der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) zu den Abbruchquoten von Studierenden an Universitäten und Fachhochschulen beruft.

Immer mehr? Das hieße, dass erstens die Zahl der Studienabbrecher_innen ansteigt („mehr“) und dass zweitens die Zuwachsrate selbst ansteigt („immer mehr“). Eine sich beschleunigende Entwicklung also.
Tatsächlich aber ist die Überschrift irreführend. Zwar hat sich laut der Studie die Abbruchquote bei den Bachelor-Studiengängen seit der letzten Studie aus dem Jahr 2008 um 3% erhöht, allerdings ist nach Aussage der verantwortlichen Wissenschaftler_innen ein Vergleich der Werte nur eingeschränkt möglich, da sich die „Fächer- und Hochschulstruktur der Bachelorstudiengänge“ verändert habe. Ein dramatischer Anstieg, wie ihn die Überschrift suggeriert, liegt laut Studie nicht vor, zudem wird darauf verwiesen, dass es sich um ein Übergangsphänomen handeln dürfte. Ob es „immer mehr“ Studierende sind, die aufgeben (die Zahl der Abbrecher also zunimmt und die Zuwachsraten selbst ansteigen), lässt sich durch den Vergleich von zwei Jahrgängen außerdem überhaupt nicht ermitteln.

Mehr noch als die reißerische Überschrift irritiert dann folgender Satz: „Die Forscher haben untersucht, wie viele derjenigen, die zwischen 2006 und 2007 ein Bachelorstudium aufgenommen haben, bis 2010 einen Abschluss in der Tasche hatten.“ Und von denen hätten laut Artikel nur 72% einen Abschluss geschafft. Eine sehr irritierende Aussage, wenn man selbst im Jahr 2007 ein Bachelor-Studium begonnen, dieses aber erst im Jahr 2011 abgeschlossen hat. Gelte ich jetzt statistisch als Studienabbrecher, weil ich ein Jahr länger als die Regelstudienzeit für meinen Abschluss gebraucht habe? Dann wäre die Studie höchst fragwürdig und die von der taz skandalisierten Abbruchquoten demenstprechend überhöht.

Ein genauerer Blick in die Studie verrät, dass die Wissenschaftler_innen mitnichten von den Studienanfängern der Jahre 2006 und 2007 ausgehen und verfolgen, wieviele von diesen bis 2010 „einen Abschluss in der Tasche hatten“. Stattdessen gehen sie vom Absolventenjahrgang 2010 aus, und ermitteln auf der Basis einer Befragung von Absolventen, in welchen Jahren diese ihr Studium begonnen habe. Jemand, der wie ich sein Studium 2010 noch gar nicht beendet hatte, wird also von der Studie gar nicht erfasst.

Wie die Autor_innen der Studie ausführen, wäre die Messung am genauesten, wenn jeder Studienanfänger bis zum Studienende statistisch erfasst würde, also individuelle Studienverläufe nachvollziehbar wären. Dies ist aber aus Datenschutzgründen zumindest in Deutschland nicht möglich. Stattdessen arbeitet die HIS-Studie mit einem sogenannten Kohortenvergleich, der den Autor_innen zufolge eine starke Annäherung an die Erfassung individueller Studienverläufe darstellt: Verglichen wird hier ein Absolventenjahrgang (hier der des Jahres 2010) mit dem entsprechenden Studienanfängerjahrgang (ermittelt nach der durchschnittlichen Studiendauer, hier der Jahrgang 2007 für Bachelor-Studiengänge und 2005 für Diplom und Staatsexamen).

Jedoch wird die Zahl der Hochschulabsolvent_innen aus derm Jahr 2010 nicht unmittelbar mit der Zahl derjenigen verglichen, die 2007 (bzw. 2005) ein Studium begonnen haben. Denn die Studiendauer variiert und die tatsächlichen Studienanfangsjahre der Absolvent_innen von 2010 reichen von 1998 bis 2008. Zudem sind die jeweiligen Jahrgänge unterschiedlich groß, was bei einem unmittelbarem Vergleich zu Verzerrungen führen würde. (Wäre z.B. der Studienanfängerjahrgang 2007 ungewöhnlich klein, wäre die Zahl der Absolventen 2010 in Relation dementsprechend größer und die Studienabbruchquote niedriger. Wären alle Jahrgänge gleich groß und die Studiendauer gleich lang, würde es natürlich ausreichen, den Abschlussjahrgang 2010 zu den Studienanfänger_innen 2007 bzw. 2005 in Relation zu setzen.)

Für die unterschiedliche Größe der Jahrgänge und unterschiedliche Studienzeiten wird die Zahl der Absolvent_innen mittels Korrekturfaktoren angepasst. Ebenso werden Doppeleinschreibungen und Studierende im Zweitstudium aussortiert. Diese angepasste Zahl der Absolventen des Jahres 2010 wird dann zum Jahrgang der Studienanfänger der Jahre 2007 bzw. 2005 in Relation gesetzt – und daraus ergibt sich die jeweilige Abbruchquote. Die Zahl der Abbrecher bzw. Absolvent_innen bezieht sich aber eben nicht direkt auf alle Studienanfänger_innen der Basisjahre 2007 und 2005, sondern auf mehrere Studienanfängerjahrgänge.

Nun ist es vermutlich zu viel verlangt, von einem Zeitungsartikel eine komplexe methodologische Abhandlung zu verlangen – zumal die Ausführungen der HIS-Wissenschaftler_innen nicht gerade verständlich formuliert sind (um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher, ob ich die Berechnung der Abbruchquoten wirklich in allen Einzelheiten verstanden habe) und z.T. an Ausführlichkeit zu wünschen übrig lassen. Aber mehr Sorgfalt, um irreführende Aussagen zu vermeiden, und weniger reißerischer Alarmismus dürften wohl drin sein.

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