Das chauvinistische Manifest

Feindbild gefällig? Lust, deinem Sozialneid und deinen chauvinistischen Vorurteilen aus dem vorletzen Jahrhundert einen emanzipatorischen Anstrich zu geben? Spielst du gerne ein verfolgtes unschuldiges Opfer der Mainstream-Zensur und möchtest gleichzeitig ohne zu viel Mühe zum Held werden? Willkommen bei der taz!

Wenn ich ein Prinzip nennen müsste, an das wir uns bei pantherjammer immer halten und über das wir nicht zu diskutieren brauchen, dann wäre das vermutlich der Schutz der Privatsphäre. Mit Namen prominenter Politiker_innen als einzige Ausnahme werden auf dieser Seite keine “Passnamen” genannt. Punkt und Ende der Debatte. Denn egal, wie viel wir an einzelnen Artikeln der taz-Autor_innen zu meckern haben – am Ende bleibt immer die Hoffnung, dass die Menschen doch besser sind, als ihre Erzeugnisse. Dass das “nicht so gemeint” war. Auch habe ich persönlich nicht die geringste Lust, jemanden wegen eines einzelnen Fehlers zu diffamieren. Fehler machen wir schließlich alle, die Konsequenzen eines Blogartikels können weiter reichen, als uns das lieb wäre, und es ist uns bekannt, dass die pantherjammer-Seite jeden Monat von einigen Hundert Menschen aufgerufen wird. Inhalte sind eh wichtiger als Namen.

Und nun, nachdem ich unseren selbst gesetzten Imperativ erklärt habe, muss ich wohl auch begründen, warum ich heute davon abweichen werde. Es fällt mir einfach unglaublich schwer, nach jahrelanger Erfahrung mit Artikeln eines taz-Autors, die bei jeder anderen Referenzgruppe schon den Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllen würden und trotz aller Kritik nicht etwa besonnener und ausgewogener werden, sondern immer mehr Grenzen überschreiten, es gelingt mir einfach nicht mehr, an die grundsätzliche Unschuld oder Unwissenheit der Person zu glauben. So viel Dummheit kann ich einem studierten Menschen einfach nicht mehr lassen. Dieser Mensch heißt Christian Füller.

Dass sich Herr Füller als “Bildungsredakteur” der taz immer für Studiengebühren ausspricht, ist an sich nicht neu. Auch sind die Dreistigkeit seiner zum Teil menschenverachtenden Argumente und die wiederholten Versuche, sie als Sorge um die “armen” Arbeiterkinder zu verkaufen, leider nicht wirklich überraschend. Wie gesagt, passiert das mehr oder weniger unverändert schon seit Jahren. Auf jede abweichende Meinung, auch in der eigenen Redaktion, reagiert Füller mit Zensur- und Manipulationsvorwürfen. Was er sich im Artikel “Karl Marx hatte Recht” vom 24. Oktober erlaubt, übersteigt aber langsam meine Vorstellungen vom schlechten Journalismus und hat mich nun letztendlich dazu gebracht, meine eigene Regel zu verletzen.

Jeder Person mit eher schwachen Nerven und/oder einem starken Gerechtigkeitsempfinden würde ich dringend davon abraten, diesen Artikel zu lesen, also fasse ich an dieser Stelle mal die zentralen Argumente zusammen: Die Studiengebühren in Bayern (und sonst wo) dürfen nicht abgeschafft werden, weil sie gerecht sind und für sozialen Ausgleich sorgen und dazu noch die demokratische Beteiligung der Studierenden stärken. Wieso? Na weil doch bekanntlich fast nur Kinder von reichen Menschen studieren, denn Arbeiterkinder werden schon in der Schule aussortiert. Außerdem hat ein Hochschulabschluss so viele Vorteile, dass die Studiengebühren ärmere Jugendliche doch gar nicht vom Studium abschrecken. Wenn die Studierenden ihre Gebühren selbst verwalten dürften, würde das die Mitbestimmung an Hochschulen stärken. Und überhaupt bezahlen Frieseurinnen den Ärzten und Anwälten ihr Studium, und die armen Arbeiterkinder im Ruhrgebiet gehen leer aus… Dieses Zitat lasse ich einfach mal unkommentiert so stehen:

“Das Mantra der Allgemeinen Studentenausschüsse, das in etwa „Studium für alle“ lautet, ist nichts anderes als Propagandaschwindel. Studentenvertreter betätigen sich als Lobbyisten ihrer Klasseninteressen – oder als nützliche Idioten der gehobenen Beamten- und Bürgerschichten. Asta-Fritzen kämpfen im Che-Guevara-T-Shirt für ein vermeintlich kostenloses Studium. In Wahrheit aber sind sie die Vorhut reicher Ärzte-, Anwälte- und Redakteurskinder, die Papis Kohle weiter in Skiurlaube statt in die Campus-Maut stecken wollen.”

Zitiert wird unter anderem Karl Marx mit seiner Behauptung, durch gebührenfreies Studium würden die oberen Klassen ihre Erziehungskosten aus den Steuern der Allgemeinheit ihre Erziehungskosten bestreiten. Als Beleg für die Selektion im deutschen Schulsystem wird die Sozialerhebung der Studentenwerke angeführt. Da ich ja auch studiert habe und in der Lage bin, mit Quellen zu arbeiten, schaue ich doch einfach selbst in die letzte Sozialerhebung der Studentenwerke aus dem Jahr 2010:

“Mit 812 € fällt 2009 der Durchschnittsbetrag der monatlichen Einnahmen um nominal 5,5 % bzw. 42 € höher aus als 2006 […]. Die Varianz der monatlichen Einnahmen ist erheblich […]: Einem Fünftel der Studierenden (20 %) stehen weniger als 600 € monatlich zur Verfügung, 17 % mehr als 1.000 €. Gemessen am BAföG-Höchstsatz (648 €) und dem unterhaltsrechtlichen Richtwert (640 €) sind 26 % bzw. 25 % der Studierenden mit niedrigeren monatlichen Einnahmen ausgestattet.”

Auf gut Deutsch: Die absolute Mehrheit der Studierenden lebt an der Armutsgrenze und (teilweise weit) darunter. Aus eigenen Berechnungen kann ich außerdem ergänzen, dass der BAföG-Satz fast genau dem ALG II-Satz gleicht und meist auch gleichzeitig angepasst wird (Unterschiede ergeben sich ausschließlich durch Berechnung der Kosten der Wohnung, wobei Hartz-IV-Empfänger in den meisten Städten sogar mehr bekommen dürften als die BAföG-Wohnkostenpauschale von momentan 224 €). Wenn Christian Füller also so fest davon überzeugt ist, dass Studierende reich und privilegiert sind, sollte er dringend seinen Job kündigen und auschließlich von Sozialleistungen leben.

Wie kann es sein, frage ich mich, dass eine der ärmsten Bevölkerungsgruppen in Deutschland dermaßen verunglimpft werden darf? Woher kommen die Lügen vom Skiurlaub und warum wird ihnen so selten widersprochen? Ich befürchte, eine plausible Antwort könnte darin bestehen, dass Füller hier nur noch ein Paradebeispiel für ein in Deutschland auch sonst verbreitetes Denken ist: Kinder haften für ihre Eltern, und das ist ok so. Es ist nämlich wahr, dass ein Teil der Studierenden reiche Eltern hat. Nur kommt der Reichtum bei den Kindern gar nicht an. Auch die meisten Eltern meiner Kommiliton_innen sind eben lieber allein in ihren Skiurlaub gefahren und haben dafür ihre Kinder von oben erwähnten Hartz-IV-Satz leben lassen. Statt aber die Eltern endlich zur Verantwortung zu ziehen (etwas durch Steuererhöhungen), bestraft man lieber die Kinder.

Wenigstens können junge Menschen mit reichen Eltern damit rechnen, irgendwann ein ordentliches Erbe zu bekommen und doch noch so privilegiert zu werden wie der Papa in seinem Urlaub. Was passiert aber mit den weniger glücklichen Studierenden, denen mit armen Eltern, oder ganz ohne Familie? Immerhin hatten im Jahr 2009 49% der Studierenden nicht studierte Eltern – es gibt also doch noch Kinder von Friseurinnen auf deutschen Hochschulen! (Diese Daten stammen aus derselben Sozialerhebung, die auch Füller zitiert, und wurden von ihm ironischerweise übersehen.) Es wird nicht nur in der taz, sondern in allen mir bekannten Medien konsequent ausgeblendet, dass es so etwas wie “Umsonststudium” nicht gibt. Auch nicht in Deutschland. Allein die so genannten “Semesterbeiträge” erreichen an manchen Hochschulen unglaubliche Summen von bis zu 500€ pro Semester. Dass diese Gelder teilweise für Semestertickets oder Leistungen des Studentenwerks verwendet werden, ändert nichts daran, dass es sich um de facto Studiengebühren handelt: Wer nicht zahlt, darf nicht studieren. Im schlimmsten Fall subventionieren Studierende also die Mensen, ohne sich selbst ein Mensaessen leisten zu können. Und betroffenen Menschen dürfte es egal sein, wie ihre Gebühren nun genau heißen. Dass der Preis fürs Studium nicht mehr Studiengebühr heißt, macht ihn nicht erträglicher. Außerdem kommen gerade bei ärmeren Menschen, die nebenbei arbeiten müssen oder nicht die gleichen Bildungsvoraussetzungen haben und langsamer studieren (aber auch bei vielen, die die Fachrichtung wechseln), relativ schnell die Langzeitstudiengebühren hinzu – das macht noch ca. 500€ pro Semester. Bei Studierenden über 30 Jahren (auch hier sind Menschen aus ärmeren Familien überdurchschnittlich oft zu finden) gibt es schließlich noch das Problem, dass die Krankenkassen von ihnen bis zu 160€ monatlich für die Krankenversicherung verlangen dürfen. Und nun mögen schlaue Menschen wie Christian Füller doch selbst ausrechnen, wie viel Geld für Wohung, Essen und Sonstiges einer Person zur Verfügung steht, wenn von ihrem BAföG-Satz von (zur Zeit) 670€ ein Krankenversicherungsbeitrag von 160€ abgezogen wird. Glaubt hier jemand immer noch an das Umsonststudium?

Dafür gibt’s doch BAföG!, meinen darauf die reaktionär-ignoranten Befürworter der (zusätzlichen) Studiengebühren. Also noch einmal zum Mitschreiben: Für Miete sind im BAföG-Satz 224€ vorgesehen, für Krankenversicherung etwa 80€, das alles ist im Höchstsatz von 670€ inbegriffen. Und dieses Geld müssen die Menschen mindestens zur Hälfte zurück zahlen. Im schlimmsten Fall sogar alles, auf Kredit und mit Zinsen. Je ärmer man ist, umso mehr Schulden bekommt man. Hat man etwa keine Eltern, über die man versichert werden könnte, muss man mehr BAföG in Anspruch nehmen, um die Beiträge zu bezahlen. Die Schulden wachsen mit der Armut. Da mir auch selbst genau das passiert ist, habe ich schon lange das Gefühl, keine Zukunft mehr zu haben. Mein Leben wurde aufgefressen, als ich 24 war, und ich bekomme es nie wieder zurück. Und das alles nur dafür, dass ich nicht aus Deutschland komme, und dafür, dass mein Vater ein toter Bauarbeiter ist. Nun sollte Christian Füller Menschen wie mir bitte genau erklären, inwieweit die armen Kinder im Ruhrgebiet denn davon profitieren, dass uns unsere Zukunft weggenommen wird. Mit der Einführung der Studiengebühren würden nämlich noch mehr Studierende in die Schuldenfalle geraten. Auch die ehemaligen Hauptschüler_innen mit ihrem Abitur auf dem zweiten Bildungsweg.

Am witzigsten ist noch das Argument mit der demokratischen Beteiligung. Füller behauptet im Ernst, dass Studiengebühren emanzipatorische Wirkung haben, weil sich dann mehr Studierende an Wahlen beteiligen, um zu bestimmen, wofür ihr Geld verwendet wird. Interessante Idee. Gab es früher auch schon, als das Wahlrecht noch an Besitz gekoppelt war. Vielleicht sollten wir dieses Prinzip bei den nächsten Bundestagswahlen einführen: Wenn das Wahlrecht erst teuer gekauft werden muss, darf die FDP vielleicht ja weiter regieren.

Der Autor wirft Akademiker_innen Egoismus vor, wenn sie darauf bestehen, dass ihr Recht auf Bildung nichts kosten darf. Doch der einzige Egoist in dieser Angelegenheit ist er selbst. Konsequent wäre eine Forderung nach einer Steuererhöhung, um alle Bildungseinrichtungen ausreichend zu finanzieren und um ärmeren Bevölkerungsschichten das Studium zu ermöglichen. Das würden Gutverdiener wie Füller aber niemals in den Mund nehmen. Weil das in erster Linie sie selbst treffen würde. Die Geringverdiener, um die sich der Autor angeblich so kümmert, zahlen nämlich gar keine Einkommenssteuer. Und was andere Steuern und Abgaben angeht, so werden sie genauso von Studierenden gezahlt wie vom Rest der Bevölkerung. Was steigende Kosten eines Studiums allerdings wirklich bewirken könnten, wäre eine zunehmende Exklusivität der Hochschulabschlüsse. Dann darf sich auch der arme Christian endlich wieder als etwas ganz Besonderes fühlen.

Wie wäre es also damit, dass Menschenrechte nichts kosten sollten? Wie wäre es damit, reiche Leute zur Kasse zu bieten und nicht ihre Kinder? Wie wäre es damit, Menschen höher zu besteuern, nachdem sie reich geworden sind und nicht im Voraus? Oder wie wäre es damit, jüngere Kinder (Schüler) nicht gegen ältere (Studierende) auszuspielen? Oder die Hürden im Bildungssystem abzubauen, statt neue zu errichten? Wie wäre es mit der Achtung der Menschenwürde, mit der Einhaltung der journalistischen Verpflichtung, die Wahrheit darzustellen und niemand zu verunglimpfen?

So weit zu denken, dafür scheint unserem großen Kämpfer für Gerechtigkeit sowohl die Emphatie wie die Vernunft zu fehlen – trotz des abgeschlossenen Politikstudiums an einer renommierten Universität. Ja dann… Willkommen zurück im 18. Jahrhundert.

7 Gedanken zu “Das chauvinistische Manifest

  1. Ich habe mir den taz-Artikel durchgelesen. Ich habe es überlebt. Knapp.

    Warum versteht eigentlich niemand von diesen Befürwortern folgendes:

    Auch durch 500 Euro Studiengebühren pro Semester “bezahlen Arbeiter das Studium des Chefarztkindes”, um deren Jargon zu benutzen. Ein Studium (gerade Medizin) ist nämlich wesentlich teurer. Dass Studiengebühren mindestens eine zusätzliche Belastung für die armen Studenten, die weniger als Hartz IV zur Verfügung haben, ist, sollte klar sein. Selbst wenn es sie nicht vom Studium abhält (was es mit SICHERHEIT bei einigen tut), können auch die Leistungen während des Studiums darunter leiden, was dann wieder zu schlechter bezahlten Jobs führen kann, etc. etc.

    Reich und reich gesellt sich eben gern. Nicht reich und neureich – ehemals arm.

    Ich hatte während des Studiums halb soviel wie der Bafög-Höchstsatz zur Verfügung (davon war alles zubezahlen: Miete, Nebenkosten, Essen etc.). Nur durch Nebenjobs konnte ich mich über Wasser halten, und wurde von den Studiengebühren in den letzten Semestern (da wurden sie gerade eingeführt) noch mehr in die Knie gezwungen. Ich habe es geschafft, aber nicht dank, sondern trotz dieser asozialen Abzocke namens Studienbeiträgen.
    Und dann kommt so ein arroganter Fatzke daher und erzählt mir was von sozialer Gerechtigkeit, während ich nicht wusste woher mit dem Geld und Kommilitonen gar nicht über die Gebühren nachdenken mussten, weil sie die Rechnung einfach ihren Eltern geschickt haben. Wer hat denn Herrn Füllers Studiengebühren bezahlt?? Ach richtig, er hatte ja noch Glück.

  2. Ich finde ja einen Teil der Kritik berechtigt, aber wieso meckert ihr nur?
    Warum nicht mal Loben, denn auch das kann zu einer besseren taz führen!!!!

    • Guter Punkt!
      Kann ich nicht vollständig widerlegen. Aber ein paar Erklärungen geben:
      1. Die taz wirkt so überzeugt von sich selbst, dass die Leute sicher selber wissen, wenn sie gut sind (ist natürlich eine Verallgemeinerung, ich schließe das nur daraus, was aus der Redaktion in der sonntaz und auf dem Blog geschrieben wird).
      2. Es gibt sicher viel zu loben, aber auch noch viel mehr zu kritisieren, als das, was hier steht. Da wir aber nicht so viele Leute sind, die alle manchmal schwer beschäftigt sind, reicht die Zeit nicht für alles. Wir wollen nicht nur meckern – wir studieren, arbeiten und haben auch noch andere Sachen am laufen, wir sind da draußen und versuchen, die Welt ein Stück besser zu machen!
      3. Gerade weil bei der taz nicht alles Mist ist, machen wir uns die Mühe. Ein FAZ-Blog wäre es für mich nicht wert, meine kostbare Lebenszeit dafür zu verschwenden.

  3. Ich hab mir mal die Website von Christian Füller angesehen. Kaum zu glauben, aber der war auch auf einem Gymnasium und hat diverse Stipendien bekommen. Ich wüsste er gerne ob er wie ich mit BaFöG studieren musste und überhaupt weiß wie schwer es jetzt schon ist das Geld für sein Studium auszutreiben. So einen Sch*** wie er schreibt sicher nicht.

  4. Pingback: Kritik « ProErde

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